3. Umsetzung
3.1. Einleitung
Die folgenden Kapitel beschreiben die wesentlichen Schritte bei der Umsetzung eines nachhaltigen städtischen Nahverkehrsplans. Dem Planungsprozess nachfolgend gewährleisten diese fünf Umsetzungsschritte eine erfolgreiche Einführung, Anerkennung und Umsetzung von SUTP.
Die ersten drei Kapitel ‚Ziele definieren’ (3.2), ‚finanzielle Mittel verteilen’ (3.3) und Festlegen von Zuständigkeiten’ (3.4) beziehen sich auf die entsprechenden Schritte im Planungsprozess. Jeder einzelne Schritt hilft der Stadt auf dem Weg zu einem nachhaltigeren Verkehrssystem.
Die letzten beiden Kapitel ‚Bewilligung und Unterstützung durch die Politik’ (3.5) und ‚Überwachen und Auswerten’ (3.6) sind für den Erfolg von SUTP von zentraler Bedeutung. Sie bilden das politische und technische Fundament für eine schrittweise Veränderung in Politik und Praxis städtischen Verkehrs. Sie garantieren, dass SUTP ein „lebendiges Dokument“ bleibt.
3.2. Mach es mit Köpfchen - Ziele definieren
Warum
Eine Vision bleibt nichts weiter als ein Traum, sofern sie nicht von klaren und relevanten Zielen begleitet wird, die bei Erreichen der Ziele den Traum erfüllen. Angemessen definierte Ziele bieten eine Grundlage für das Überwachen von SUTP.
Die SUTP-Ziele sollten mit jenen aus den regionalen, nationalen und EU-Strategien und Aktionsplänen integriert werden. Sie sollten auch die Zeitpunkte der Fortschrittsüberprüfung festlegen, die zusätzlich zu der Überwachung obligatorischer Zwischen- und Endergebnissen stattfinden sollten.
Wie
Die übergreifenden Ziele sollten allgemein formuliert sein, und so Spielräume und Optionen für deren Erreichung zulassen. Sie müssen einen Beitrag zur Verwirklichung der Vision leisten. Die übergreifenden Ziele werden vorzugsweise in angestrebten Ergebnissen formuliert und mit dem Alltagsleben der Menschen in Beziehung gesetzt. Diese Ziele haben einen Zeitrahmen von 5-10 Jahren.
Die Ziele im engeren Sinn sind ‚Sprungbretter’ auf dem Weg zu den übergreifenden Zielen und Visionen der Stadt.
• Sie helfen, den Herausforderungen zu begegnen und für Veränderungen zu sorgen – die Analyse der ‚treibenden Kräfte’ und der ‚Einflüsse’ im ‚Selbstbewertungsbericht’ helfen beim Verständnis der größten Herausforderungen für die Stadt und jener Bereiche, in denen Veränderungen den größten Einfluss haben.
• ‘Schnelle Erfolge’ sind Maßnahmen, die helfen, Vertrauen, Unterstützung und Impulse zu geben, um die Ziele zu erreichen – sie erreichen die größten und schnellsten Änderungen mit den geringsten Ressourcen. Um diese ‚schnellen Erfolge’ ausfindig zumachen, kann die Ausgangsbewertung herangezogen werden.
• Die Ziele müssen SMART sein:
o Spezifisch – mithilfe quantitativer und qualitativer Begriffe präzise formuliert, die von allen Stakeholdern verstanden werden.
o Messbar – die aktuelle Situation oder Zustand ist bekannt und quantifiziert oder qualitativ beschrieben. Ressourcen stehen auch zur Messung der eintretenden Veränderungen bereit (qualitativ und quantitativ).
o Ausführbar – auf der Basis technischer, operativer und finanzieller Kompetenzen und im Übereinkommen mit den Stakeholdern
o Realistisch – auf der Grundlage der bekannten und bewältigten Risiken und verfügbaren Ressourcen.
o Terminiert – Zwischenergebnisse der Ziele (qualitativ und quantitativ) werden an Stichtagen erhoben
Ein Beispiel für ein SUTP-Ziel:
“Die Lundby-Partnerschaft in Göteborg möchte den Anteil von Fahrradfahrern unter den Berufspendlern erhöhen: Von 10% in 2007 auf 12% in 2008, 14% in 2009 und 20% in 2010. Die Partner haben die finanziellen und personellen Ressourcen für ein zeitlich festgelegtes und geplantes Programm an Kapitalinvestitionen (neue Infrastruktur) und weichen Maßnahmen (Ausbildung und Anreize) bereitgestellt. Die Fortschritte mit Blick auf die Ziele werden jährlich überwacht. Zudem werden die Zielvorgaben in Übereinstimmung zwischen der Partnerschaft und den Stakeholdern überprüft.
Die Festlegung von Zielen betrifft und erfordert Maßnahmen verschiedener Stakeholder. Daher ist eine entsprechende Beteiligung dieser Gruppen unerlässlich. Zum Beispiel sollten große Arbeitgeber in der Stadt motiviert werden, auf das Pendlerverhalten Einfluss zu nehmen. Eine Beteiligung von Bürgern und NRO bei den Zielsetzungen kann eine gute Grundlage für Verhaltensänderungen schaffen.
Maßnahmen bewirken durch ihre Ausführung geplante Veränderungen. Vollendete Massnahmen tragen somit zum Erreichen eines Ziels bei. SUTP sollte Maßnahmen umfassen, die kurz-, mittel- und langfristig ausgeführt werden und auch ein Überwachen der Erfolge dieser Maßnahmen bei der Erfüllung der SUTP-Ziele einbeziehen. Kurzfristige Maßnahmen erfolgen jetzt, dieses und nächstes Jahr. Sie führen zu schnellen Erfolgen und bilden eine solide Grundlage für den Erfolg der mittelfristigen Maßnahmen, die für die geplanten Veränderungen in den nächsten 2-5 Jahren sorgen werden. Die langfristigen Maßnahmen basieren auf den jährlichen/kurzfristigen Maßnahmen, die sich Stück für Stück der Vision nähern: solche Aktionen sind etwa der Bau einer neuen S-Bahn, Fahrradsicherheitstraining für alle Kinder etc. Ohne solche Maßnahmen wird ein SUTP niemals erreicht.
Um durchführbare Strategien zu entwickeln, sollten die oben aufgeführten Maßnahmen nach ihrer Machbarkeit klassifiziert werden. Handlungen die leicht umzusetzen sind, sollten an erster Stelle stehen (schnelle Erfolge). Die gewählten Handlungen sollten hinsichtlich ihres Potenzials für die weiteren Fortschritte geprüft werden, sie sollten ‚flexible Plattformen’ für die Umsetzung visionärer Maßnahmen sein. Massnahmen, die kurzfristig Verbesserungen bewirken, aber langfristig in die falsche Richtung füren, sind zu vermeiden.
Checkliste
• Übergreifende und engere Ziele und Maßnahmen im Rahmen von SUTP müssen klar definiert sein
• Es gibt spezifische Ziele für den Personenverkehr
• Es gibt spezifische Ziele für den Güterverkehr
• Zielwerte wurden für die Verkehrsindikatoren der Stadt definiert
• Es wurde ein Zeitplan aufgestellt, wann die Zielwerte erreicht werden sollten
• Eine Liste geplanter SUTP-Maßnahmen wurde aufgestellt
• Das erwartete Resultat der geplanten Maßnahmen wurde bewertet
• Die Maßnahmen sind hinreichend, um die Ziele der Stadt zu erreichen
• Für alle SUTP-Ziele sind Maßnahmen für ihre Erreichung definiert
3.3. Wer bekommt wie viel? – finanzielle Mittel bereitstellen
Warum
Hinreichende und angemessene Verteilung finanzieller Mittel ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung des SUTP. Die Mittel müssen für die Umsetzung der Maßnahmen des SUTP innerhalb des geplanten Zeitrahmens bereitstehen. Geplante Maßnahmen ohne die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen können nicht umgesetzt werden können und somit zum Scheitern verurteilt.
Wie
Maßnahmen zur Umsetzung von SUTP-Strategien können nur ausgeführt werden, wenn hinreichende Ressourcen zur Verfügung stehen – Personal mit der notwendigen Zeit und Kompetenz, Geld für Infrastrukturmaßnahmen, Druckaufträge, Beratung, Spezialisten, Informationstechnologie, Einbindung der Stakeholder etc. Ein Finanzplan muss für jede Maßnahme und ihre erfolgreiche Umsetzung innerhalb eines vereinbarten Zeitrahmens explizit alle damit verbundenen Kosten aufführen. Finanzielle Mittel und zeitliche Ressourcen für den Notfall sollten eingeplant werden, um unerwartete Risiken aufzufangen. Manche Maßnahmen erfordern Entschädigungsleistungen wegen Verzögerungen oder unerwarteter Kosten.
Jede Maßnahme bedarf eines Umsetzungsplans, der detailliert Auskunft darüber gibt „wer was wo wann und wie macht, wie das Überwachen und das Berichtwesen organisiert sind und wer für was wann aufkommt“. Der Umsetzungsplan für manche der mittel- und langfristigen SUTP-Maßnahmen kann ‚vorbereitende Maßnahmen’ umfassen: Anträge für Beihilfen oder Kredite, Überzeugung der Stakeholder, sich an den notwendigen personellen und operationellen Ressourcen zu beteiligen, Landbeschaffung oder Änderungen in der Gesetzgebung etc. Diese vorbereitenden Maßnahmen müssen abgeschlossen sein, bevor die notwendigen Ressourcen für eine Umsetzung der SUTP-Maßnahmen bereitstehen. Bis zum Abschluss der vorbereitenden Maßnahmen sind die SUTP-Maßnahmen nur eine Ambition – die notwendigen Ressourcen sind noch nicht vorhanden. SUTP muss differenzieren und alle Maßnahmen offen legen, für die Ressourcen noch nicht zur Verfügung stehen.
Jede SUTP-Maßnahme muss gemäß eines Zeitplans umgesetzt werden. Dieser Zeitplan basiert auf der Verfügbarkeit der Ressourcen und der Priorität jeder Maßnahme. Maßnahmen für schnelle Erfolge haben wegen der oben aufgeführten Gründe Priorität.
Checkliste
• Es gibt einen Finanzplan für jede Maßnahme
• Es gibt einen Umsetzungsplan für jede Maßnahme
• Es gibt einen Zeitplan für die vorgeschlagenen Maßnahmen
• Hinreichende Mittel wurden den vorgeschlagenen Maßnahmen zugeordnet
Stadt-Fallstudie: Die richtigen Maßnahmen und Mittelbereitstellung sind Voraussetzungen für die SUTP-Umsetzung
Die Stadt Gdynia war erfolgreich bei der Bestimmung der SUTP-Maßnahmen sowie bei der Festlegung und Zuordnung der finanziellen Mittel für deren Investitions- und Entwicklungsbedarf. Alicja Pawlowska, Koordinatorin im Verkehrsamt, berichtet, dass die Stadt verschiedene städtische Verkehrsprojekte unter Mitfinanzierung der EU umgesetzt hat, einschließlich eines intelligenten Verkehrsmanagementsystems, sicherer Kreuzungen und Fahrradwege.
Gdynia beteiligt sich aktiv an internationalen Finanzierungsprogrammen, welche die finanzielle Grundlage für städtische Entwicklung ermöglichen und sicherstellen. Zusätzlich zum Europäischen Kohäsionsfonds hat die Stadt an den Europäischen Rahmenprogrammen und den Interreg Programmen der Ostseeregion teilgenommen.
Die Erfahrungen aus Gdynia bestätigen, dass realistische und genau zugeordnete Mittel die Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des SUTP sind. Die in SUTP definierten Maßnahmen müssen realistisch sein und überprüfen, ob angemessene finanizelle Mittel für die Umsetzung der Maßnahmen zur Verfügung stehen. “Es gilt, die Maßnahmen zu identifizieren, welche die Ziele in ausreichender Weise erfüllen, und für diese Maßnahmen müssen hinreichende finanzielle Mittel gefunden und eigesetzt werden“, erklärt Pawlowska.
Eine der neusten und größten Nahverkehrsinvestitionen in Gdynia ist die Einführung eines intelligenten Verkehrssystems (ITS = Intelligent Transport System) auf einer der Hauptverkehrsstrassen der gesamten städtischen Region. Es gewährt dem öffentlichen Nahverkehr an Ampelanlagen an Kreuzungen Vorfahrt. Der Verkehr wird effizienter gestaltet und dadurch verringert, so Pawlowska.
In einem anderen Beispiel verbesserten die Behörden die Sicherheit der Fußgänger in der Stadt. “In diesem Fall nutzten wir erfolgreich europäische Finanzmittel als Unterstützung zur Erneuerung von drei gefährlichen Kreuzungen“, berichtet Pawlowska. Von diesen Beispielen und anderen Fällen hat Gdynia gelernt, dass durchdachte und realistische Projektideen und Aktionspläne sowie eine klar abgegrenzte Mittelzuordnung ebenso Voraussetzungen für positive Finanzierungsbescheide sind.
3.4. Wer macht was? - Zuständigkeiten festlegen
Warum
Oftmals werden die Zuständigkeiten für die Umsetzung der Pläne nicht vereinbart, oder sie sind unklar. Dies trägt gewöhnlich zum Scheitern der Umsetzung der Pläne bei, da sie nichts weiter bewirken, als in der Schublade zu verschwinden.
Wenn Personen Verantwortung spüren, Förderung erfahren, Ressourcen erhalten und motiviert sind, werden sie aktiv und handeln! Wenn diese Handlungen zu Erfolgen führen, geschehen Veränderungen! Ohne all diese Merkmale werden dagegen die gleichen Personen Hindernisse und Probleme anstelle von Lösungen und Möglichkeiten wahrnehmen. Bei der Ausführung des SUTP müssen die Behörden die Menschen in ihrer Arbeit unterstützten, kontinuierlichen Lernen fördern und Fehler und Misserfolge als Gelegenheiten zum Lernen für den Einzelnen und für die gesamte Behörde begreifen – und nicht für Schuldzuweisungen! Ausserdem sollten alle Erfolge gefeiert werden – wenn man mehr davon will!
Wie
Eine kommunale Behörde/Abteilung und eine ernannte Person/Position (z. B. Abteilungsleiter) sollten die generelle Verantwortung für die Umsetzung von SUTP erhalten. Diese Abteilung sollte ein klares Mandat für die Koordination der SUTP-Arbeit innerhalb der Kommune haben. Aufgrund des behördenübergreifenden Charakters der SUTP-Arbeit kann die Verantwortung für spezielle Bereiche oder Felder der SUTP-Arbeit auf verschiedene kommunale Abteilungen verteilt werden. Für jeden Bereich und jede Aufgabe soll eine verantwortliche Person, Ziele und Meilensteine festgelegt werden. Der Koordinator mit allgemeiner Verantwortung für die Umsetzung von SUTP gewährleistet, dass die Fortschritte überwacht und zu den Meilensteinen berichtet werden.
Sollte die Stadt über eine leistungsbezogenes Entlohnungssystem verfügen – zum Beispiel leistungsbezogene Lohnabstufungen - könnte dieses als Anreiz für eine aktive Teilnahme und Erreichung der Ziele im Rahmen von SUTP dienen.
Für jede geplante Maßnahme sind hinreichende Mittel im Haushalt zur Verfügung zu stellen und eine Person/Stelle, die für die Umsetzung verantwortlich ist, ist zu benennen.
Zahlreiche Maßnahmen müssen möglicherweise in behördenübergreifender Zusammenarbeit oder in Partnerschaft mit Stakeholdern umgesetzt werden. Nichtsdestotrotz sollte eine Person in der Kommune die Verantwortung übertragen bekommen und die Fortschritte überwacht werden. Wiederum ist zu betonen, dass die Maßnahmen auf einem angemessenen ‚Anspruchsniveau’ liegen, d. h. sich in Übereinstimmung mit den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln und der Verantwortlichkeit der Person befinden. Eine Maßnahme, die beispielsweise die Unterstützung der Leitungsebene der Stadt und Entscheidungen des Stadtrats erfordert, sollte nicht einem unterordneten Beamten übertragen werden.
Das ‚Anspruchsniveau’ jeder Aufgabe und Maßnahme sollte sich in Übereinstimmung mit den zugeordneten und verfügbaren Ressourcen und der Leistungsfähigkeit der verantwortlichen Abteilung befinden.
Checkliste
• Klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten in der SUTP-Arbeit
• Jede vorgeschlagene Maßnahme ist einer verantwortlichen Einheit/Person zugeordnet
• Jede Einheit/Person verfügt über hinreichende Ressourcen, um die geplanten Maßnahmen zu verwirklichen
3.5. Verabschiedung des SUTP –Bewilligung und Unterstützung durch die Politik
Warum
Ein wenig ambitionierter aber politisch befürworteter SUTP ist schlagkräftiger als ein hoch ambitionierter Plan, der politisch nicht gestützt wird. Für eine erfolgreiche Umsetzung des SUTP ist es äußerst wichtig, dass er politisch befürwortet wird und die Fortschritte überwacht und der politischen Führung berichtet werden.
Es ist ebenso wichtig, dass die Prinzipien und Motive des SUTP von der politische Führung der Kommune und der gesamten Organisation verstanden und unterstützt werden. Nur dann wird SUTP ein leistungsfähiges Instrument, um ein nachhaltigeres Nahverkehrssystem zu erreichen. Deshalb sollten Lokalpolitiker und wichtige Akteure der Stadt von Beginn an informiert und involviert werden. Insbesondere Lokalpolitiker sind aktiv an der Entwicklung einer Stadtverkehrsvision und des SUTP zu beteiligen. Die aktive Einbindung von Politikern von Anbeginn wird die zukünftige Zustimmung und Einführung des Plans erleichtern.
Wie
Der SUTP muss den Stakeholdern ‚gehören’, die die Umsetzung durchführen und die personellen und finanziellen Ressourcen bereitstellen. Er muss der politischen Führung gehören, die formell und gesetzlich dem Plan zustimmt und ihn bewilligt. Während der SUTP-Vorbereitungsphase ist es niemals zu früh, die politischen Vertreter einzubeziehen. Politiker auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene können einen Beitrag bei Informationsveranstaltungen für Stakeholdern leisten, beim Definieren von Zielsetzungen und bei der Formulierung einer übergreifenden Vision. Die verantwortlichen Beamten sollten nicht nur Politiker aus den Gremien für Verkehr einbeziehen, sondern auch aus den Gremien für Umwelt/Nachhaltigkeit, Soziales, Ausbildung und Planung.
Da die SUTP-Maßnahmen die Bindung von Ressourcen erfordern, die über das Mandat einer Administration/Abteilung hinaus gehen, ist ein breiter politischer Konsens über den Plan wünschenswert, um seine langfristige Unterstützung und Stabilität auch bei Veränderungen der politischen Führung sicherzustellen. Gespräche auf höchster politischer Ebene sollten einen Konsens über die Art und Weise der Beteiligung der politischen Gruppierungen und Parteien am SUTP ermöglichen.
Damit der Plan allen politischen Parteien und Vertretern ‚gehört’, muss er so viele Perspektiven und Standpunkte wie möglich einbeziehen. Das wiederum erhöht die Chancen auf Unterstützung und Akzeptanz von politischer und Stakeholderseite. Welche Zusammensetzung des politischen Komitee/Rat/Gremium angemessen ist, das den SUTP einführt und ihn bewilligt, wird von Stadt zu Stadt unterschiedlich sein. Die Städte legen ebenso für sich fest, ob das gleiche Gremium für die Kontrolle, Auswertung und Bewertung der Fortschritte von SUTP zuständig ist, oder von einer anderen Institution durchgeführt wird. Diese plan- und regelmässigen Berichte über Fortschritte ermöglichen das Lernen aus Fehlern und Misserfolgen oder Erfolge zu feiern und zu bekräftigen – das gewährleistet, dass die Politiker den SUTP als relevanten und stichhaltigen Beitrag zur Nachhaltigkeit des Verkehrssystems der Stadt anerkennen.
Checkliste
• Der SUTP wurde den verschiedenen politischen Parteien vorgestellt und diskutiert
• Klare Festlegung, auf welcher Ebene/von wem der SUTP rechtskräftig eingeführt wird und Zustimmung erhält (z. B. der Stadtrat)
Stadt-Fallstudie: Sundsvall basiert seine Pläne auf einem breiten Konsens
Vor den 90er Jahren hatte Sundsvall ein ernstes Imageproblem. “Mit all der Industrie und den Verkehrsproblemen war die typische Frage ‚wie kannst du in Sundsvall leben?’“, so Christer Tarberg, Leiter des öffentlichen Nahverkehrs.
Mit der Unterstützung seiner Politiker startete die Stadt ein Projekt zur Emissionsreduzierung in der Energieproduktion und Industrie bis zum Jahr 2000. „Die Ergebnisse waren recht gut. Aber im Jahre 2000 hatten wir noch ein Problem, den Verkehr. Damals wurden 72 Prozent der Wegstrecken mit Privatautos unternommen.
In dieser Zeit startete Sundsvall seinen SUTP-Plan zusammen mit dem BUSTRIP-Projekt. Die Stadt hatte bereits mit Unterstützung des Vizebürgermeisters, anderer Politiker, verschiedener Kommunalbehörden und Stakeholdern mit der Ausarbeitung einer Vision für die Stadt begonnen. Die endgültige Entscheidung über die Vision erfolgte in Übereinstimmung mit dem Stadtrat im Jahre 2007.
“Das Timing für SUTP war genau richtig. Wir schauten aber nicht nur auf den Verkehrsplan. Die Verkehrsstrategie war eine Fortsetzung der Stadtvision, die sich einer breiten Akzeptanz von Seiten der politischen Parteien, der Bürger und Stakeholder erfreute. Alle Meinungen und Standpunkte wurden mit einbezogen. Nach dieser Arbeit wäre es schwierig gewesen, uneins zu sein.“
Im Hinblick auf den Verkehr hatte Sundsvall zwei Hautprobleme, die Eisenbahn quer durch das Zentrum und die den Ort durchquerende Europastraße 4. Triste Asphaltoberflächen dominierten das Stadtbild. “Unsere Vision und unsere Pläne beinhaltete die Verlegeung der Eisenbahn in den Untergrund mit einem darüber liegendem Reisezentrum, und die Entwicklung der Europastraße 4 im Stil eines City-Boulevards mit zahlreichen Bäumen und einer neuen Brücke.“
Der Plan umfasste ebenfalls den Bau von Häusern näher an das Stadtzentrum und die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs, das Zu-Fuß-Gehen und Fahrradfahren. “Wir gehen Schritt für Schritt vor; hoffentlich ist die Situation im Jahre 2010 besser“, erklärt Tarberg und gibt den Rat: “Vertraue anderen Stakeholdern und Institutionen und beziehe diese von Beginn in die Problemlösung mit ein“.
3.6. In der Spur bleiben – Überwachen und Auswerten
Warum
Überwachen und Auswerten sind grundlegende Managementinstrumente, die Informationen für SUTP-Entscheidungen bereitstellen. Diese beinhalten Informationen über die Fortschritte politischer Maßnahmen, Pläne und Programme, ob Ziele zeitgerecht erreicht werden und ob die Maßnahmen die geplanten Resultate liefern, Informationen zu Kosten und Veränderungen von Daten etc. Dieses Wissen ermöglicht Entscheidern, die Zielen des SUTP auf effiziente Weise im Haushaltsrahmen zu erreichen. Es hilft der Kommune, den Politikern und technischen Referenten zu verstehen, wie auch kleine Initiativen ihren Beitrag zum Erreichen der Ziele leisten. Wenn dieses Wissen auch den externen Stakeholdern zugänglich gemacht wird, hilft es dem Aufbau von Partnerschaften.
Überwachen bedeutet: Sammlung von Daten, die benötigt werden, um zu untersuchen, ob ein SUTP-Ziel erreicht wurde. Überwachen stellt die Leistungsindikatoren und Daten zur Verfügung, die die stattfindenden Veränderungen beschreiben. Überwachen stellt das für das Auswerten notwendige Wissen bereit.
Auswerten ermöglicht ‘gelernte Lektionen’ – das Verständnis und die Bedeutung der Informationen aus dem Überwachen. Dies beinhaltet das Bewerten, Interpretieren und Beurteilen der Informationen und Empfehlungen über Änderungen der SUTP-Strategie, Pläne und Programme und führt somit zu verstärkter Effizienz und Verbesserungen.
Indikatoren sind Messgrößen der Belastungen, Eigenschaften, Effektivität von Plänen und Programmen. Sie können auf materiellen, ökonomischen, ökologischen, sozialen, technischen oder politischen Veränderungen beruhen und entweder objektiv oder subjektiv sein. Das Überwachen sammelt die Werte der Veränderungen für jeden Indikator. Die Ziele sollten geplante oder erwünschte Veränderungen der Indikatoren innerhalb eines definierten Zeitraums ausdrücken.
Wie
Überwachen und Auswerten zu Eigen machen
Alle SUTP-Pläne, Strategien und Programme von Maßnahmen innerhalb der Kommunen sind das Ergebnis einer Problemauswertung und Vereinbarung einer Lösung. Implizit sind die Veränderungen, die die Kommune zu erreichen wünscht, ausgedrückt durch einen Indikator (Luftqualität/Radfahren, Kinder gehen zu Fuß zur Schule etc.).
Auswahl messbarer Indikatoren
Während die allgemeine ‚Vision’ (siehe Abschnitt 2.9) und die ‚Ziele’ (siehe Abschnitt 3.2) allgemeiner formuliert sein können (wie „hervorragende Luftqualität“), sollten die Indikatoren spezifisch, messbar und realistisch sein, z. B. ‚Anzahl an Tagen mit PM unter dem Grenzwert’. Nur messbare Indikatoren erlauben eine Überwachung des Fortschritts, Auswertung, Programmanpassungen und Berichte.
Integration von Überwachen und Auswerten
Es sollte ein expliziter Zeitplan für das Überwachen und das Auswerten der Fortschritte für jedes SMARTe Ziel vorhanden sein – basierend auf messbaren und gemessenen Indikatoren. Der Zeitplan für Überwachen und Auswerten dient der Sammlung von Daten zu einem relevanten Zeitpunkt, wie auch für auf der Auswertung basierender Empfehlungen an die Entscheider. Das erlaubt eine Revision der Pläne, Strategien und Programme auf der Basis der gelernten Lektionen.
Ressourcen für Überwachen und Auswerten
Die Auswahl der Ziele und Indikatoren sollte eine Bewertung der Kosten einschließen, die mit der Sammlung von Daten zum Überwachen der Fortschritte verbunden sind. Ausserdem sollte es auch die Bewertung der Kosten der Auswertung umfassen, die von einer fachkundigen und/oder unabhängigen Organisation durchgeführt wird. Diese Bewertungen sollen wiederum eine Kalkulation der benötigten personellen Ressourcen, Zeit und Kosten einschließen. Es bedarf einer klaren Zuordnung der Rollen, Verantwortlichkeiten und Rechenschaftspflichten für Überwachen und Auswerten als Teil des SUTP-Arbeitsplans. Es sollten auch die Vorteile eines externen, unabhängigen und objektiven Überwachens und Auswertens mit einem nicht redigierten öffentlichen und transparenten Rechenschaftsbericht in Erwägung gezogen werden.
Auswerten
Das Auswerten sollte sowohl „weiche“ als auch „harte“ Ergebnisse und Empfehlungen einschließen. Harte Ergebnisse beziehen sich auf die Fortschritte messbarer Ziele und Indikatoren. Diese Information kann dafür genutzt werden, zentrale Veränderungen einzuleiten, wie etwa eine Zielanhebung für die Anzahl der Tage mit einem PM unter dem Grenzwert. Weiche Ergebnisse beziehen sich auf Umsetzungserfahrungen, Erfüllung allgemeiner Ziele, Erkenntnisniveau, Einfluss auf Geschlechtergleichheit und Zugänglichkeit etc. Das „MOST-MET Überwachen & Auswerten – Handbuch“ bietet einen Leitfaden zur Bewertung von Mobilitätsmanagementansätzen und kann zur Auswertung der weichen Maßnahmen eingesetzt werden.
Auswertungsbericht
Über eine Auswertung sollte berichtet werden, um die Mitarbeiter zum Lernen anzuregen und die Entscheidungsträger zu stärken. Sie sollte die Ergebnisse auch auf ihre Bedeutung für die Zukunft untersuchen. Eine veröffentlichte Auswertung bietet den lokalen Stakeholdern Gelegenheit, an einer Debatte über die Wahl von Programmen und wie Ressourcen zugeteilt werden sollten, teilzunehmen.
Würdigung der Fortschritte
Die erreichten Fortschritte sollten öffentlich und offen kommuniziert werden, sowohl die Erfolge als auch Mängel und Misserfolge. Die Anerkennung für einen gelungenen SUT-Prozess gebührt denen, die die Arbeit gemacht haben. Die Würdigung des Erreichten hat erheblichen Einfluss auf das weitere Interesse und die Weiterführung des Prozesses.
Checkliste
• Es ist festgelegt, wie Fortschritte in Richtung SUTP-Zielen überwacht werden
• Es gibt eine eindeutig bestimmte Einheit/Person, die für die Auswertung der Fortschritte bei der SUTP-Arbeit in Anlehnung an die gesteckten Ziele verantwortlich ist
• Die Einheit/Person verfügt über die notwendige Kompetenz, Hilfsmittel und Ressourcen für die Auswertung der Fortschritte der SUTP-Zielen
• Es gibt einen Zeitplan für die Auswertung der Fortschritte von SUTP
• Es ist festgelegt, an wen die Auswerter berichten
Stadt-Fallstudie: Überwachung der Luftqualität als Teil integrierter Planung in Liepaja
Die Überwachung der Luftqualität geschieht in nahezu allen europäischen Städten. Aber als integrierte Form im Zusammenspiel mit Verkehrs- und Stadtplanung ermöglicht sie, die negativen Einflüsse und komplexen Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Verkehr und Urbanisierung zu verstehen.
Über Jahre fehlten der Stadt Liepaja Daten zu Stickstoffdioxidemissionen (NO2) im Stadtzentrum. Eine Überwachungsstation war nicht ausreichend, um zu ermitteln, wie der Verkehr die Luftqualität beeinflusst.
Während des SUTP-Prozesses entschied sich die Stadt zu einer Pilotmaßnahme zur Überwachung und Bewertung der Luftqualität mit dem Ziel, die Informationen in neue Pläne einzubinden. Proben wurden an fünf verschiedenen Stellen im Stadtzentrum genommen. Zusammen mit den Daten der Verkehrsströme wurde in den Sommermonaten eine Modellierung durchgeführt und die Ausbreitung der Emmissionen von Stickoxid (NOx) ermittelt.
„Wir wollten das spezifische Thema Luftqualität in die Planung der Verkehrsführung und von Stadtquartieren einbeziehen, mit Messgrößen, die wir bereits verwenden“, erklärt Dace Liepniece, Leiter des Umweltamtes.
“In Städten wie Liepaja mit uneinheitlichen Standorten für Industrie-, Wohn- und Grünflächen, ist Luftqualitätsmanagement besonders wichtig, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.“
Die Pilotmaßnahme umfasste Modellbildung, Resultate und Vorschläge für die Stadtverwaltung, und zeigte die am schwersten belasteten Gebiete auf. Bei der Umsetzung des SUTP sollten sich die Maßnahmen gezielt auf diese Gebiete beziehen.
„Eine sorgfältige Planung dieses Prozesses im Voraus ist außerordentlich wichtig – danach geht man in die Öffentlichkeit und wendet sich an die Politiker für weitere Entscheidungen“, erklärt Liepniece abschließend.
Die Präsentation der Resultate in den Medien erhöht das Verständnis über den direkten Einfluss des Verkehrs auf die Gesundheit und macht es leichter, unpopuläre Verkehrsmaßnahmen durchzusetzen.